Offener Brief zur Olivia-Jones-Platz-Abstimmung in Springe

Liebe Springerinnen und Springer,

Mittwochabend stimmt der Ortsrat über einen Vorschlag des Bürgermeisters ab, den bisher namenlosen Platz vorm alten Rathaus in „Olivia-Jones-Platz“ umzubennenen. Der Vorschlag hat ja für angeregte Diskussionen gesorgt. Manches darin erinnerte mich an 2013.

DIE VORGESCHICHTE

Damals kam nach meiner Dschungelcamp-Teilnahme die Idee einer Olivia-Jones-Ehrenbürgerschaft auf.
Aber Ehrenbürgerschaften sind kompliziert und hochpolitisch. Also fand man den Kompromiss, Olivia Jones einfach mit einem dafür neu geschaffenen „Ehrenbotschafter“ Titel auszuzeichnen. Was das genau bedeutet, darüber hatte sich damals noch keiner richtig Gedanken gemacht.

13 Jahre sind seit dieser Ehrentbotschafter-Auszeichnung vergangen. Im ZDF lief ein Film über mein Leben. 6 Millionen Zuschauende. Wahnsinn, ich habe noch nie so viel berührende Fanpost bekommen. Ja, wirklich. Auch Post! Einer der Zuschauer war Springes Bürgermeister. Und den hat der Film und meine Geschichte auf die Olivia-Jones-Platz Idee gebracht. Oha.

DIE DEBATTE

Ich habe seitdem viele private Gespräche mit Springerinnen und Springern geführt. Dabei ist mir auch klar geworden, welche unterschiedlichen Perspektiven es gibt.

Es gibt Menschen in Springe, die wenig mit Olivia Jones verbinden: Geboren am Deister, nach dem Outing nach Hamburg gezogen, Drag Queen, bunt, viel im Fernsehen. Viele dieser Menschen wundern sich, warum „diese“ Olivia Jones regelmäßig zu offiziellen Anlässen der Stadt Hamburg oder zu Staatsakten der Bundesrepublik eingeladen wird.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die das überhaupt nicht wundert. Weil sie wissen, WOFÜR Olivia Jones steht bzw. wofür ich mich als Olivia seit 40 Jahren engagiere.

Für die einen ist Olivia also nur eine bunte Kunstfigur. Für die anderen ein Symbol für Freiheit, Toleranz, Demokratie, Vielfalt. Und, ja, darauf lege ich besonderen Wert: Auch ein Symbol Humor und Selbstironie.

Ich habe mich über den Vorschlag für einen Olivia-Jones-Platz natürlich gefreut. Aber weniger, weil es dabei irgendwie ja auch um mich geht. Mehr, weil damit das gewürdigt werden soll, wofür Springe in diesen wieder wilden Zeiten stehen möchte.

Ich habe die Debatte um den Vorschlag sehr interessiert verfolgt. Springe kam mir dabei wie ein Brennglas für das vor, was im Moment weltweit Menschen bewegt. Als ich gehört habe, dass es zum Vorschlag des Bürgermeisters auch noch vor der Abstimmung eine Umfrage geben soll, war ich erstmal richtig begeistert: Jawoll, so geht Demokratie.

DIE STIMMUNGS-UMFRAGE

Als ich dann jedoch gehört habe, dass die virtuelle Abstimmung aus guten Gründen an die wenig verbreitete Online-Funktion des Personalausweises geknüpft werden muss, habe ich gedacht: Na, da werden dann wohl doch nicht so viele mitmachen.

Dass dann trotzdem noch rund 350 Menschen abgestimmt haben, viele sogar persönlich an den Ständen der Stadt, sich auch intensiv an Gesprächen beteiligt haben, das hat mich sehr überrascht. Positiv. Aufs Ergebnis war ich gespannt. Und während der Umfrage habe ich die vielen Interview-Anfragen bundesweiter Medien abgelehnt. Wahlkampf gibt es ja schon genug. Mich interessierte ein von meiner Meinung unbeeinflusstes Bild.

DAS ERGEBNIS UND DIE FOLGEN

Das Ergebnis der Umfrage hat mich dann unfassbar stolz gemacht. Auf Springe.

Nicht, weil rund die Hälfte der Menschen für einen Olivia-Jones-Platz gestimmt haben, nein – weil dazu rund 13% für eine Umbenennung in „Platz der Vielfalt“ waren. Damit haben dann ingesamt also deutlich über 60% dafür gestimmt, den Platz vor dem Alten Rathaus zum einzigartig historischen Bekenntnis Springes für Vielfalt zu machen. Mit einem so starken Ergebnis für diese gute Sache hätte ich nicht gerechnet.

Für mich ist das ein klares Votum, das Mut macht. Vor allem hoffentlich den vielen Engagierten, die es in diesen Tagen im Kampf für Vielfalt, Freiheit und Demokratie nicht immer leicht haben.

Aber ich verstehe auch, dass man das Ergebnis auch noch anders interpretieren kann.

SCHWIERIGE FRAGEN

Ich habe mich deshalb vertraulich mit Vertretern des Ortsrats getroffen. Also mit einigen der Menschen, die über den Vorschlag entscheiden müssen. Dabei ist mir deutlich geworden, wie sehr einige offenbar diese Abstimmung als große Verantwortung empfinden. Manche sogar als Bürde. Da sucht man natürlich nach Orientierungsmöglichkeiten:

Was sagt eigentlich das Recht? Sollte ein Platz in Springe nur nach Menschen benannt werden, die sich in Springe für Springe engagieren? Warum wurde dann ein Platz nach Beethoven und Mozart benannt? Wie handhaben andere Städte vergleichbare Fälle? Gibt es überhaupt Vergleichbares? Wurde schon einmal ein Platz nach einer „Kunstfigur“ benannt? Viele andere Städte zögern zumindest damit, Plätze nach lebenden Personen zu benennen. Aber eben auch nicht alle. Und außerdem: Wenn wir immer alles so machen, wie bisher: Ist dann noch Fortschritt möglich? Frauen waren ja vor 50 Jahren ohne Ehemann rechtlich noch nicht voll geschäftsfähig. Schwulsein galt vor 40 Jahren noch als Straftat. Und überhaupt: Fordern nicht besondere Zeiten auch besondere Maßnahmen?

Also: Vorsicht oder Voraussicht? Vorsicht als Voraussicht? Neue Wege gehen und Geschichte schreiben oder alles beim Alten belassen? Fragen über Fragen.

Unterm Strich bleibt: Wer schon vorher gezweifelt hat, ob ein Olivia-Jones-Platz eine gute Idee oder seinen/ihren Wählern nicht vermittelbar ist, gerade in Zeiten von Wiederwahlen, dem oder der werden die Umfrage, die Städtebund-Anfrage und Beispiele anderer Städte wohl leider auch nur bedingt helfen.

Ein Lichtblick beim Treffen mit vertretenden des Ortsrats war, dass alle der Wunsch eint, das beste für Springe zu tun. Überschattet von Sorgen wie: Könnte ein negatives Abstimmungsergebnis der Stadt Springe schaden? Wie würden Medien berichten? Was wird Olivia bei einer Absage an einen Olivia-Jones-Platz öffentlich sagen? Erst Recht, wenn man bedenkt, wie die Wege vor über 40 Jahren auseinander gegangen sind.

DRUCK AUS’M KESSEL

Um etwas Druck ausm Kessel zu nehmen, möchte ich eins an dieser Stelle mal unmissverständlich klar stellen:

Springe hat mir nie etwas getan.
Ich hatte hier eine wunderschöne Kindheit.
Was mir dann später als schwuler Teenager IN Springe (nicht DURCH Springe) passiert ist, ist leider vor über 40 Jahren Jugendlichen jenseits der Norm in ganz Deutschland passiert.
Vor allem, aber nicht nur in Kleinstädten und auf dem Land.
Sogar solchen Jugendlichen, die einen weniger extravaganten Hang zu Frauenkleidern hatten.

Genauso wenig, wie ich damals Springe etwas übel genommen habe, nehme ich die Abstimmung über einen Olivia-Jones-Platz persönlich. Es geht nicht um mich. Es geht um das, wofür ich stehe.
Und deshalb fände ich es natürlich trotzdem schade, wenn Springe diese einmalige Gelegenheit, ein wahrscheinlich weltweit historisch beispielloses Zeichen für Vielfalt zu setzen, nicht nutzen würde.
Vor allem in Zeiten, in denen leider wieder mehr Menschen Erfahrungen machen müssen, wie ich sie damals als Jugendlicher gemacht habe. In Zeiten, in denen wieder Menschen, die sich für Vielfalt, Freiheit und Demokratie stark machen, unter Druck gesetzt oder bedroht werden. Wie leider auch in Springe wieder.

EIN NEUER LÖSUNGSANSATZ?

Tja. Und nun? Was tun?

Vielleicht hilft ja Erfindungsreichtum.
Und die beste Erfindung der Menschheit ist der Kompromiss.
Er ist das Herz der Demokratie.
Was für ein Glück, dass einige Wählerinnen und Wähler einen solchen Kompromiss in dieser Sache schon aufgezeigt haben.
Er hat sogar im Prinzip bei der Umfrage deutlich mehr als 60 Prozent der Stimmen bekommen.
Ein Ergebnis, von dem man heutzutage sonst ja nur träumen kann.
Nur ist dieser Kompromiss anscheinend noch nicht so richtig aufgefallen.

Weil er so nicht auf dem Stimmzettel stand.

Wie wäre es als Kompromiss einfach mit „Olivia-Jones-Platz der Vielfalt“? Dieser Name vereint immerhin die fast 50%, die sich in der Umfrage einen Olivia-Jones-Platz als Zeichen für Vielfalt wünschen und die rund 13%, die sich einen „Platz der Vielfalt“ wünschen.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

Wie auch immer… ich wünsche mir vor allem eins:
Dass so oder so die Bank, die mir der NDR vor meiner ehemaligen Schule als Denkmal gesetzt hat, irgendwann auf den Platz versetzt wird.
Darauf bitte ein neues Schild: Redet miteinander, nicht übereinander. So, wie’s rund um die Olivia-Jones-Platz Idee erfreulich viele Springerinnen und Springer mit unterschiedlichen Meinungen getan haben.
Und dazu ein QR Code, der über den demokratischen Prozess rund um die Namensgebung aufklärt.
Denn darauf können wir jetzt schon – egal wie’s ausgeht – alle stolz sein.
Wir werden diesen Prozess deshalb künftig sogar als Beispiel ins Projekt „Olivia macht Schule“ (das übrigens in Springe einst „auf die Sprünge“ kam) integrieren.
„Springe macht Schule“ sozusagen.

Und wie auch immer die Abstimmung am 26.08. in der Aula des Springer Gymnasiums ausgeht:

Der Platz vor dem alten Rathaus wäre nicht der erste Platz, der vom Volksmund anders genannt wird, als er offiziell benannt wurde.
Bei meinen Gesprächen in Springe habe ich überrascht festgestellt, dass viele jetzt schon wie selbstverständlich vom Olivia-Jones-Platz sprechen. Und was in den Köpfen und Herzen ist, zählt für mich mehr, als das, was auf einem Straßenschild steht.
Da haben mich auch noch mal die sehr persönlichen Gespräche mit engagierten Springerinnen und Springern bestärkt: Egal ob mit oder ohne offiziellen Olivia-Jones-Platz – Springe ist bunt.
Das ist die Botschaft, die ich jetzt schon als Ehrenbotschafterin mitnehme und aus Springe in die Welt trage.
Ganz egal, wie die Abstimmung ausgeht.
Springe. Ist. Bunt. Punkt.

Danke an alle, die bis hierhin durchgehalten und gelesen haben.😉

Küsschen, kommt mich mal besuchen,

Eure Olivia